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Persönlichkeitsentwicklung für Lehrer

“Künstlerische Betätigung und praktische Erfahrung sind mit Sicherheit für die Vermittlung von Wissen unabdingbar. „Sie (die Sprachlehrer) müssen … erkennen, dass ihr Beruf es verlangt, dass sie in erster Linie Künstler werden müssen, dann erst Gelehrter oder Gelehrte.“ (Kiersch)          

In seinem Buch „Language Teaching athree-facest Steiner Waldorf Schools“ schreibt Johannes Kiersch über die zentrale Bedeutung, die künstlerischen Fähigkeiten im Sprachunterricht zukommt, insbesondere wenn man bedenkt wie die neuesten Erkenntnisse der Forschung unsere Vorstellung vom Erlernen von Sprachen umgekrempelt haben. „Der Fremdsprachenlehrer der Zukunft wird gemeinsam mit Theater- , Musik- und Tanzpädagogen ausgebildet werden…“, denn Sprachenlehrer sollten – und das in höherem Maße als andere Lehrer – Humor und Einfühlungsvermögen besitzen und die Fähigkeit ganz den Augenblick zu erfassen und zu nutzen. Sie sollten ganz bewusst ihre Gefühle und Stimmungen darauf ausrichten können eine entspannte, erwartungsfrohe und produktive Arbeitsatmosphäre zu schaffen.

Peter Lutzker bezieht sich in seiner Doktorarbeit „ The Art of Language Teaching“ auf Kiersch und beschreibt wie stark Clowning und Improvisation dabei helfen Offenheit, Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen zu entwickeln. Gleichzeitig lernt der Lehrer dabei mit seiner eigenen Unsicherheit, seinen Ängsten und Fehlern in einer konstruktiven und kreativen Weise umzugehen.

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Language teachers must also be artists

by Peter Lutzker and Christoph Jaffke, May 2013

In his seminal work on Waldorf foreign language teaching, Johannes Kiersch in 1992 called for teacher training to be comprehensively extended in that language teachers should learn “that their profession requires training as an artist, and philological training is only in preparation or support of that”. This call triggered some fundamental developments in the training and advanced training of foreign language teachers at Waldorf schools in the last fifteen years. This can be seen very clearly in the development of the “English Week” for example. When it was set up fifteen years ago, it directly took up many elements which had been developed in the long tradition of Waldorf foreign language teaching. But what was new about it was the conviction that foreign language teachers needed an additional artistic training in order to do justice to the specific aims and methods of Waldorf education.

This training goes far beyond what any traditional teacher training offers. It led to an initial one week intensive advanced training at which there were – alongside other things – daily three-hour workshops with well-known English-speaking actors, directors, story tellers and theatre clowns. This has in the meantime become something like the “centrepiece” of the whole advanced training week. The response to these courses was overwhelming from the beginning: participants reported about profound personal and professional changes which had direct and far-reaching consequences on their teaching practice.

The relevance of some of these courses for the participants has, in the meantime, been investigated as part of a long-term study. It has becomes apparent that such courses lead to increased openness and attention, more empathy, greater presence in the lesson and clearly extended improvisational abilities.

Complete article: http://www.erziehungskunst.de/en/article/special-teaching-languages/language-teachers-must-also-be-artists/

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Clowning hat nichts mit erdachter Simplizität oder gewollter Spontanität zu tun….

Wolfgang Schenk, Stuttgart 07/07/2017

Clowning ist der Moment, wo sich das scheinbar Absurde mit der Wirklichkeit trifft. Es ist ungewohnt und verblüffend einfach. Es ist eine Befreiung von Konventionen, eine Hinwendung zum Weltentheater. Die Offenheit für die Situation, die Intuition in der Wahrnehmung des Augenblicks, erscheint zur einen Seite hin absurd, aber auf der anderen Seite erscheint Clowning entwaffnend schön. Zur Verwunderung der Beteiligten enstehen im Drama des Lebens Bilder von bezaubernder Eindrücklichkeit.
Woher kommt diese sprechende Einfachheit? Kommt die Einfachheit aus der Absichslosigkeit des Geschehens? Aus der gesteigerten Aufmerksamkeit? Der wohlwollenden Bereitschaft der Beteiligten die Routine über Bord zu werfen, und der Möglichkeit Raum zu lassen?
Zwar ist die Stimmigkeit keine wägbare und greifbare Kategorie, aber ein eindringlicher, weit tragender Klang von schlichter Größe. Zu spüren, was jetzt passen könnte, setzt voraus, dass ich nahezu alles hinter mir lasse. Anfängergeist im guten Sinne!
Vielleicht spricht diese Einfachheit garnicht zu allen in gleicher Weise, und dennoch spricht sie deutlich für den aufmerksamen Betrachter.
Clowning hat nichts mit erdachter Simplizität oder gewollter Spontanität zu tun. Es kommt dem, was wir Intuition nennen, am nächsten. Die Schönheit der Bilder und Gesten entsteht aus der absichtslosen Wahrnehmung der Welt und der Begegnung in Welten.
Clowning scheint mühelos aus dem lebendigen Zusammenhang zu entstehen.

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 Gespräch über Lernen als Verwandlung

Martyn Rawson und Catherine Bryden

 

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Warum eine Woche Clowning?

who-meIch habe in der Einführungswoche gemerkt, wie wichtig sie für meine persönliche Entwichklung wäre und ganz besonders ist es eine Möglichkeit für mich, einen spontaneren Kontakt zu den Schülern, eine Flexibilitaet in meinenm Unterricht zu schulen. Eine Intesivwoche Clowning ist jetzt ein fester Bestandteil der jungen Walorfschueler geworden, weil sie eben diese Qualität schult.
Bernadette Leblanc-Mock, Rudolf Steiner Schule, Groebenzell, 2011

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Masters Thesis, Anja Seidelmann, Freie Hochschule Stuttgart

‘Alles weg zu lassend und wirklich nur aus dem Moment heraus zu agieren ist sehr schwer, als Lehrer aber unbedingt erforderlich. Man wird oft vor Situationen gestellt, in denen man sofort handeln muss. Je besser man auf sine inner Stimme oder Intuition vertrauen kann, je entspannter und überzeugter erscheint man.’ 

‘ Als Fazit der Befragung kann im Generellen gesagt werden, dass alle diesen (clowning) Kurs als sehr positiv empfunden haben. Ebenso gaben all Teilnehmer an, dass sie etwas Positives aus diesem Kurs mithenmen und eine Wiederholung wünsche wäre. (…) Gerade im Zusammenhang mit dem Schulalltag und dem Lehrersein haben viele das Clowning als wichtigen Bestandteil zur Persönlichkeitsentwicklung empfunden, denn hier ist es möglich Spontaneität und die bewusste Wahrnehmung der Welt zu entwickeln bzw. weiter zu entwickeln.’ (s. 54)

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Clowning an der Hochschule

Do it with an inner Yes!

Angelika Rauscher (Freie Waldorfschule Gutenhalde, Stuttgart, 2012)

mexicansWährend meiner Ausbildung als Fremdsprachenlehrerin an der Freien Hochschule in Stuttgart bin ich anlässlich eines Wochenendkurses das erste Mal mit „Clowning“ in Kontakt gekommen. Catherine Bryden leitete diesen Kurs, und für mich wurde an diesem Wochenende deutlich, dass Clowning eine bestimmte Lebenshaltung ist. Ich unterrichte aktuell die Klassen 1 – 4 in Englisch und Französisch. Im Folgenden möchte ich aus meiner Sicht berichten, wie sehr „Clowning“ das Lernen und Lehren fördern und individualisieren kann. Für mich haben Clowning und Waldorfpädagogik unter anderem eine Gemeinsamkeit, nämlich die, dass sich auch beim Clowning der ganze Mensch (Lehrer) mit seinem Wesen in die Beziehung zum Schüler, zur Klasse einbringt. Beim Clowning handelt der Mensch aus seiner Mitte heraus.

Ich möchte allerdings, um Verwirrung vorzubeugen, vorausschicken, was Clowning nicht ist, um danach darzustellen, was es meiner Meinung nach bedeutet und wie es die Persönlichkeitsentwicklung unserer Kinder fördern kann.: Eigentlich kann in zwei Sätzen deutlich gemacht werden, was ich nicht unter Clowning verstehe: Wenn wir an den Zirkusclown denken, der im Zirkuszelt für alle möglichen Spässe und Tolpatschigkeiten sorgt und „über“ den gelacht wird, können wir sehen, dass wir von dem Menschen, der den Clown darstellt, nicht viel wissen. Oft heißt es auch, dass hinter seiner lachenden Fassade ein trauriger Mensch steht. Gerade dies ist Clowning nicht.

Bezugnehmend auf die menschenkundlichen und pädagogischen Grundlagen der Waldorfpädagogik gehen wir ja von einer Dreigliederung des Menschen aus, das bedeutet, dass 3 Systeme den Menschen durchdringen, sie sind allerdings verschieden zentriert:

  1. Nerven-Sinnes-System

Es hat seinen Mittelpunkt im Kopf und ist Träger der Sinnestätigkeit, das Vorstellen und Denken.

  1. Rhythmisches System

Es zentriert sich im Bereich Herz, Lunge und ist der Träger des Fühlens.

  1. Stoffwechsel-Gliedmassensystem

Es ist vorwiegend im unteren Menschen angesiedelt und Träger des Willens.

Diese 3 Systeme durchdringen gewissermaßen den Menschen. Grundsatz der Waldorfpädagogik ist es ja, entsprechend dem Lebensalter des Kindes den Lernstoff so an das Kind heranzutragen, dass es entsprechend seiner Entwicklung den Lernstoff so aufnehmen kann, dass es der Persönlichkeitsbildung des Kindes dient. Persönlichkeitsentwicklung ist demnach ein zentraler Aspekt in der Waldorfpädagogik. Besonders zwischen dem 7. und 14. Lebensjahr ist es also wichtig, dass jeglicher Lernstoff so gelehrt werden soll, dass das Kind diesen Stoff empfinden kann und hier setzt auf positive Weise das an, was Clowning im Fremdsprachenunterricht leisten kann. Dadurch, dass wir Sprache so unterrichten, dass sie den mittleren Menschen anspricht, also das rhythmische System, braucht es den rechten Atemimpuls und die Offenheit des Herzens. Mit Offenheit des Herzens meine ich, dass die Schüler, die wir unterrichten, spüren müssen, dass der Mensch, der in dieser fremden Sprache spricht, das, was er sagt und wie er es mit seinem Körper ausdrückt, dasselbe meint und wahrhaft ist. Im Fremdsprachenunterricht ist der Lehrer die Person, durch die die Schüler zum ersten Mal diese fremde Sprache hören und verstehen lernen, d. h. dass in keinem Unterrichtsfach der Unterrichtsinhalt so sehr mit der unterrichtenden Person verknüpft ist. Beispielsweise in Handarbeit ist der Lerninhalt das Handarbeiten, im Werken das Bearbeiten von Werkstoffen, in Geographie, Physik, etc. der jeweilige Lernstoff. Im Fremdsprachunterricht ist der Lehrer die Person, durch die das Fremde das Vertraute wird.

Clowning, so wie ich es an diesem Wochenende und späteren Kursen erlebte, ist eine zutiefst ehrliche, schonungslos echte menschliche Haltung. Mit dieser ehrlichen Haltung wird im Clowning mit all den Widrigkeiten des Lebens umgegangen. Und das ist das Geschenk, das Clowning in der Beziehung zu Schülern und zur Welt an sich sein kann. Es ist eine ehrliche und echte Haltung desjenigen, der sich um Clowning bemüht, ich möchte fast sagen, es ist eine Herzenshaltung, d. h. dass egal, was ich in der Welt an Situationen (grotesk, lustig, tragisch, verrückt….) erlebe, es mir diese Herzenshaltung erlaubt, gelassen und sogar mit Humor auf all diese „ungeplanten“ Dinge im Leben und im Unterricht zu reagieren. Dass es also nichts gibt, was nicht mit heiterem Erstaunen bemerkt werden kann. Das Geschenk, von dem ich spreche ist das, dass der andere, der mich dann im Geiste des Clownings re-agieren sieht, von seiner eigenen Mitte aus, also seinem Herzen aus spürt und versteht, wieso nun Erstaunen oder Frage oder Betroffenheit auch durch den Menschen ausgedrückt wird. Falls dies nun den Anschein erweckt, dass es im Unterricht ums Witzemachen geht, ist dieser Eindruck falsch, und ich bin auch erfreut, die Erfahrung gemacht zu haben, dass trotz des Unterrichtens aus dieser interessiert-heiteren Haltung heraus, es keine gravierenden Disziplinprobleme in den Klassen gibt.

Der Gewinn, den das Clowning im Fremdsprachenunterricht bietet ist auch, dass nichts übersetzt werden muss. Ich muss nicht aus dem sprachlichen Duktus und schnell mal den Kindern erklären, wieso die Reaktion nun so oder so ausfällt. Die Kinder verstehen mit dem Herzen. Ob sie nun die Sprache anfänglich 1 zu 1 verstehen ist zweitrangig, denn wir sind in erster Linie Mensch, Weltenbürger und erst in zweiter Linie Englänger, Deutscher, Russe, Franzose…und vieles ist universell verständlich, wird der Sinn nicht nur mit Worten ausgedrückt, sondern auch mit der so ehrlich empfundenen Haltung des Menschen, der da spricht.

Als großen Vorteil, die Haltung des Clownings im Unterricht zu integrieren ist auch, dass ich in dem Moment, wo es gelingt, ich nicht als Lehrer vor den Schülern stehe, sondern als ein Mensch mit den Kindern lerne und übe und hier auch schon oft von den Kindern sehr phantasievolle Beiträge und Hinweise gegeben wurden, die den Unterricht und unser Arbeiten bereicherten und neue Facetten hinzufügten. Dies ist für mich ein Hinweis, dass die Haltung des Clowning die Phantasiekräfte der Kinder anregt und die Kinder sich durch das Aufgreifen und Integrieren ihrer Beiträge bestätigt fühlen und Interesse bekommen, sich ganz in den Unterricht einzubringen und dabei ganz vergessen, dass sie lernen.

Öfters gab es dann auch im Unterricht dieses herzliche Lachen „miteinander“, das geschieht, wenn Spontanes sichtbar wird, und das so viel auch in den Kindern lösen kann, was sie in ihren kleinen Seelen bereits mit in die Schule tragen und für das sie vielleicht sogar noch nicht einmal Worte haben.

Gelingt es mir, im Sinne des Clownings, also mit interessiert-heiterer und offener Haltung zu unterrichten, stelle ich auch fest, dass zu dem Beitrag, den ich zum Gelingen einer Stunde beisteuere und dem Beitrag, den die Kinder leisten, noch etwas Drittes hinzukommt. Es lässt sich schwer in Worte fassen, aber es ist hier nicht so, dass aus 1 und 1 = 2 wird, sondern 3. In dem Moment, wo ich aus dieser Haltung des Clownings heraus unterrichte und die Kinder dies übernehmen, entsteht oft etwas Neues, das so VOR Beginn des Unterrichts und in meiner Planung nicht vorgesehen war, was aber zutiefst echt und kreativ ist. Dies sind die Unterrichtsstunden, die lebendig sind. Dies ist aber so echt und ehrlich, dass es nicht eingefroren und in der nächsten Stunde wieder herausgezaubert werden kann, also dieses Dritte, von dem ich spreche ist nicht planbar, aber ergreifend, wenn es geschieht.

Als Beispiele, wie Clowning nun konkret integriert werden kann möchte ich anführen, dass ich im Unterricht gerne kleine Gedichte, Lieder oder Dialoge in der Fremdsprache erstmal in den Unterricht reinlege. Wenn einzelne Kinder aus ihrer Phantasie heraus nun beginnen, ihre Ideen hinzuzugeben, wird es ganz individuell und es ist von Klasse zu Klasse möglicherweise auch unterschiedlich, da in jeder Klasse andere Kinder sind. In der 1. Klasse haben wir z. B. ein Lied in Französisch, bei dem „un petit bonhomme“ in den Wald geht um Äpfel und Birnen zu holen und auf dem Rückweg muss er 5 x niesen. Nach der Idee von den Kindern gehen nun Polizisten, Hexen, Angler in den Wald und wir haben großen Spaß. Wir wiederholen, ohne zu wiederholen. Es ist sehr interessant, wer und was alles in den Wald gehen kann….

In dem Moment, in dem ich mich im „Clowning“ übe ist dies auch für mich ein Prozess, mit all den Widrigkeiten des Lebens und des Unterrichtens umzugehen und er basiert auf großem Verständnis für alles, was es auf der Welt gibt, und auf unerschütterlicher Liebe.

Ich bin auch fest davon überzeugt, dass diese Haltung ausstrahlt und Vertrauen weckt, es den Kindern erlaubt, Neues gemeinsam zu wagen, denn das Schlimmste was passieren kann ist, dass man herzlich miteinander darüber lachen kann und gleichzeitig lernt.

Ich möchte schließen mit einem Satz, den Catherine Bryden einmal während eines Kurses sagte und der Clowning in einem kernigen, kurzen Satz fasst:

Do it with an inner Yes!


 

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